DER HERBST EINES MENSCHENLEBENS

Seit ein paar Tagen ist es frisch geworden. Es gab einige Tage mit klarem, sonnigem Himmel, aber auch einige neblige Tage. Auf dem Hof steht ein Baum, der im Frühling voller weißer Blüten war. Nun leuchten seine gelblichen Blätter unter der Sonne. Andere Bäume, die im Frühling lilafarbene Blüten hatten, haben jetzt ebenfalls gelbliche Blätter. Jede Jahreszeit hat ihre eigene Schönheit. Die Farben ihrer Blumen und Blätter stimmen sich mit dem Wetter ab. Im Frühling treiben die zarten, zitronengrünen, jungen Blätter neben den farbigen Blüten aus. Im Spätsommer werden sie gelblich und im Herbst fallen sie zu Boden. Es scheint, als sei der Tod der Blätter das Poetischste von allem. Nur die Blätter scheinen die Fähigkeit zu haben, ihre Farbe zu ändern. Wenn sie im Winter zu Boden fallen, flattern und tanzen sie eine Weile sorglos in der Luft, bis sie den Boden berühren. Wie schön ist diese Art, sich von dem Leben zu verabschieden!
Ich erinnere mich an ein Gedicht, das ich damals in der Schule gelernt habe:
„Der Herbst zieht an den Zweigen des Mandelbaums (Terminalia-catappa) vorbei.
Es bleiben nur noch zwei gelbe Blätter übrig...“
Ja, liebe Freunde, es sind nur noch zwei gelbe Blätter übrig.
Die Mönchsgemeinschaft des Sunyata-Klosters bestand ursprünglich aus sieben Mitgliedern. Heute sind nur noch zwei übrig. Auf dem am 3. März 2008 aufgenommenen Foto sind jedoch noch alle sieben zu sehen. In der Mitte ist unser Meister, rechts neben ihm der Bhikkhu Tuệ Chân, daneben der Bhikkhu Không Chiêú und ganz rechts außen der Bhikkhu Không Như. Links vom Meister stehen die Bhikkhunis Phúc Trí, Triệt Như und Hạnh Như.
Dies war die erste Klostergemeinschaft und zugleich die zentrale Sangha, die im Zentrum Kloster Sunyata residierte. Bis zum 20-jährigen Jubiläum der Dharma-Verbreitung am 22. Februar 2015 waren alle noch vollzählig anwesend.
Der Meister wurde von vier folgenden stabilen Säulen unterstützt. Schulter an Schulter standen sie mit ihm, steuerten das (Prajñā) Boot zwanzig Jahre lang sicher über den weiten Ozean und verließen ihn kein einziges Mal.
Da der Meister häufig auf Reisen war, um den Dharma zu verbreiten, fungierte der Ehrwürdige Tuệ Chân als sein Stellvertreter.
Der Ehrwürdige Không Như leitete die Praxis des Sunyata-Qigong.
Der Ehrwürdige Không Chiếu leitete als Dharma-Lehrer die Zen-Meditation.
Die Ehrwürdige Nonne Phúc Trí beaufsichtigte die Nonnen-Gemeinschaft.
Der Ehrwürdige Không Như ist mit Jahrgang 1925 der Älteste in der Gruppe, dann kommt der Ehrwürdige Không Chiếu (1927), unser Zen-Meister (1929), der Vize-Meister Tuệ Chân (1935), danach die Bhikkhuni Hạnh Như (1937), die Bhikkhuni Phúc Trí (1939) und die jüngste ist die Bhikkhuni Triệt Như (1941).
Heute möchte ich noch einmal an die Vergangenheit erinnern, an etwas, das späteren Anhängern dieser ersten Mönchsgruppe möglicherweise nicht bekannt ist. Warum betrachte ich die vier oben genannten Ehrwürdigen, die ich so sehr bewundere, als die vier wichtigen Stützsäulen des Sanghas? Diese Bewunderung ist sicherlich subjektiv und rührt daher, dass ich die Kurse des Meisters besuchte, als ich noch ein Laie mit weltlicher Denkweise war und diese vier als vier „Helden” sah.
In der vorherigen Generation – also der Generation unserer verehrten Lehrer – waren fast alle jungen Männer Soldaten. Nach Abschluss eines Studiums mussten alle zum Militärdienst, entweder an der Offiziersschule in Thủ Đức oder an der Militärakademie in Đà Lạt. Wer sich für eine berufliche Militärkarriere entschieden hatte, wurde an der Militärakademie Đà Lạt ausgebildet. Wer hingegen im Rahmen der Reservistenmobilisierung einberufen wurde, wurde an die Offiziersschule Thủ Đức geschickt.
Der Ehrwürdige Không Như schloss die Đà-LạtMilitärakademie als Jahrgangsbester ab und stieg schließlich zum Oberst der Panzertruppe auf. Auch der Ehrwürdige Không Chiếu absolvierte die Đà-Lạt-Militärakademie und erreichte den Rang eines Colonels in der Armee. Der Ehrwürdige Tuệ Chân war Major der Luftwaffe. Einmal kam ein Praktizierender einer anderen buddhistischen Zen-Richtung zu unserem Meister, um sich als Schüler anzumelden. Alle freuten sich über diesen Übertritt. Sie versammelten sich um ihn und fragten:
„Was hat Sie hierhergetrieben?”
Er lächelte und gab die folgende Antwort: "Ich habe erfahren, dass unter der Leitung dieses Meisters viele 'Wilde Tiger' waren."
Damals wusste ich nur sehr wenig über die Vergangenheit dieser drei Mönche. Sie lebten sehr bescheiden, waren gutherzig und halfen den Menschen gerne. Deshalb liebten und schätzten diese sie. Die vierte war die sanfte, schlichte Nonne Phuc Tri. Sie lächelte immer, aber so leise, dass man ihr Lächeln kaum hören konnte. Ich hörte, dass sie in ihrer Jugend als die „Schönheit von Binh Duong“ galt, da sie aus dieser Stadt stammte.
Es waren nur kurze Episoden aus ihrer Vergangenheit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie sich wie neugeboren fühlten, als sie ihre weltlichen Identitäten ablegten, um Kinder Buddhas zu werden und den Nachnamen Shakyamuni anzunehmen. Der Tuệ Chân und die Phúc Trí lernten den Zen-Meister kennen, als er noch in Beaverton, Oregon, lebte. Als sie beschlossen, Ordinierte zu werden, riet er ihnen jedoch, nach Vietnam zu gehen, um sich beim Ehrwürdigen Thanh Từ ordinieren zu lassen. Dies lag vermutlich daran, dass der Zen-Meister zu dieser Zeit gerade erst in Amerika angekommen war und noch nicht alle Voraussetzungen für eine Ordinationszeremonie geschaffen hatte – es war möglicherweise das Jahr 1998.
Im Jahr 1999 zog der Zen-Meister nach Kalifornien. Das Zen-Haus bestand damals lediglich aus einem Fertighaus mit drei Schlafzimmern und einem Wohnzimmer, das als Meditationsraum diente. Im Wohnzimmer stand eine Buddha-Shakyamuni-Statue mit einem Lotuszweig, die der Meister aus Vietnam mitgebracht hatte. Diese Statue befindet sich heute in der Haupthalle des Ahnentempels. Hier in diesem Zen-Haus in Santa Ana wurde Mönch Khong Chieu mit dem Segen des Ehrwürdigen Giac Nhien ordiniert.
Das heutige Kloster wurde im Jahr 2002 in Riverside gegründet, woraufhin alle Lehrer und Schüler hierherzogen. Damals gab es nur drei geweihte Mönche. Als die Immobilie erworben wurde, bestand sie lediglich aus einem Haus, das von über vier Hektar kargem Land umgeben war – nichts als Erde, Steine und Wildgras. Die Vier lebten wie auf dem Land unter freiem Himmel.
Während einer Pilgerreise nach Indien mit dem Zen-Meister wurden im November 2004 drei weitere Mönche und Nonnen ordiniert. Es handelte sich um Novize Khong Nhu sowie die Novizin Hanh Nhu und Triet Nhu. Von meiner ersten Begegnung mit dem Meister bis zu meiner eigenen Ordination vergingen zehn Jahre, in denen ich bei ihm praktizierte und Erfahrungen sammelte. Der Meister drängte mich wiederholt, Nonne zu werden, doch ich zögerte, obwohl ich bereits fünf Jahre vor unserer Begegnung Vegetarierin geworden war. Novize Khong Nhu, damals noch Herr Minh Ly, erlebte Ähnliches: Im Alter von 60 Jahren forderte der Meister Herrn Minh Ly auf, Mönch zu werden. Doch Herr Minh Ly lächelte: „Dafür bin ich noch nicht bereit.” Mit 70 Jahren erinnerte der Meister ihn erneut: „Werde Mönch.” Wieder kam die Antwort: „Ich bin noch nicht bereit.” Eines Tages erklärte Herr Minh Ly dann öffentlich vor der Gruppe:
– „Wenn Frau Tu Tam Thao Nonne wird, dann werde ich Mönch!“
Die ganze Klasse brach in Gelächter aus. Ich fragte: „Sind Sie sich sicher?”
Herr Minh Ly antwortete: „Absolut!“
Später erzählte der Zen-Meister: „Herr Minh Ly legte seine Mönchskutte an, ging zu dem Meister, verbeugte sich vor ihm und sagte: ‚Ich bin nun 80 Jahre alt und möchte Mönch werden. Würden Sie mir das verbieten, Meister?‘“
Und so wurden in jenem Jahr drei Menschen gleichzeitig in Indien ordiniert.
Noch eine lustige Geschichte. Einmal fuhren Mönch Khong Nhu, ein Meditationsschüler und ich mit dem Meister zu einem Meditationsretreat nach San Jose. In einer Pause flüsterte mir ein Schüler, der gleichzeitig Kampfkunstmeister war und ein Dojo leitete, zu: „Damals habe ich mich nie getraut, in die Nähe von dem Khong Nhu zu kommen.“
„Warum? Kanntest du den Khong Nhu vorher?“
„Er war mein Oberbefehlshaber und ich habe mich nicht getraut, ihm zu nahe zu kommen. Ich hatte solche Angst vor ihm!“
Ich blickte zu Mönch Khong Nhu, der vor sich hin kicherte. Was war es nur an ihm, das andere davon abhielt, sich ihm zu nähern?
Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich seine nach oben gezogenen Augenbrauen – ein typisches Merkmal eines Generals. Sein strenger Blick ließ mit Sicherheit jedes Herz schneller schlagen. Inzwischen sind seine Augenbrauen weiß geworden und ihm fehlt zudem ein Vorderzahn. Wenn er lächelt, sieht er deshalb nur noch sanft und freundlich aus.
Eines Winters war es im Sunyata-Haus sehr kalt. Meister Khong Nhu ging in den Garten. Sein Atem verwandelte sich in Rauch. Ich fragte ihn:
- „Meister Khong Nhu, ich habe gehört, dass Sie früher Feuer gespuckt haben, wenn Sie geschrien haben. Stimmt das?“
Er hat laut gelacht.
- Warum spucken Sie heute nur den Rauch aus?
Erneut lachte er laut.
Die Khong Chieu und Khong Nhu fuhren beide gerne Auto. Mönch Tue Chan hingegen fuhr nur, wenn es unbedingt notwendig war. Da keine der drei Nonnen Auto fahren konnte, baten sie die beiden Mönche immer, sie zum Arzt oder Einkaufen zu fahren. Allerdings fuhren beide sehr „militärisch“, weshalb ich immer meine Reise-Medikamente mitführen musste. Wenn das Auto zu häufig bremste, nahm ich heimlich welche ein. Mönch Khong Chieu verfügt allerdings über ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Wenn er einmal an einen Ort gefahren war, konnte er ihn beim nächsten Mal ohne Karte wiederfinden. Er erinnert sich an den Weg.
Einmal fuhren wir mit Mönch Khong Chieu irgendwohin. Er war der Fahrer. Eigentlich sollte Mönch Khong Nhu den Beifahrersitz vorne nehmen. Da er aber wusste, dass wir drei Nonnen unter Reisekrankheit litten, nahm er freiwillig einen Platz auf der Rückbank ein. Die beiden anderen Nonnen bestanden jedoch darauf, dass ich den Vordersitz einnehmen sollte. Der Kleinbus raste durch ländliche Gebiete mit holprigen Straßen. Als wir eine kurvenreiche Straße erreichten, wagten wir drei Nonnen kein Wort mehr zu sagen. Wir versuchten, stillzuhalten, um uns nicht zu übergeben. Als ich nach hinten schaute, sah ich, wie der Mönch Không Như hin und her schwankte. Er lachte jedoch herzlich und rief laut:
„Mönch Không Chiếu, es fühlt sich an, als würden wir auf einem Boot auf einem unruhigen Meer fahren.“
Mönch Không Chiếu blieb völlig ruhig. Er nahm den Fuß nicht vom Gaspedal.
Ein anderes Mal musste der Zen-Meister irgendwohin fahren, vermutlich zum Flughafen, und der ehrwürdige Không Chiếu fuhr ihn mit dem Auto hin. Ich saß allein auf dem Rücksitz. Wieder einmal erreichten wir eine kurvenreiche Straße, die fast wie ein Bergpass war. Obwohl es auf beiden Seiten nur Felsen und Erde gab und kein steiles Gefälle, schwankte das Auto dennoch hin und her. Ich holte meine Reise-Medikamente heraus, schluckte eine Tablette und hielt mich fest, um nicht hin und her geworfen zu werden. Nach einer Weile sagte der Meister leise:
- „Fahre bitte langsamer, Không Chiếu.“
Der Không Chiếu antwortete sofort:
- „ich kann nicht langsamer fahren, Meister!“
Da ich selbst nicht Auto fahren kann, weiß ich nicht, warum Mönch Khong Chieu nicht langsamer fahren könnte. Stell dir vor, du sitzt in einem Auto ohne Bremsen, das mit hoher Geschwindigkeit dahinrast. Du würdest einfach die Augen schließen und dich treiben lassen.
Das sind ein paar lustige Anekdoten, die mir einfallen, wenn ich an diese beiden Mönche denke.
Mönch Khong Nhu liebte die Gartenarbeit. Er hatte ein Rankgerüst mit Flaschenkürbissen bepflanzt, die er jeden Tag mit einer Gießkanne selbst goss. An anderen Stellen im Garten gab es dagegen eine automatische Bewässerungsanlage. Die Kürbisse gediehen prächtig, und er war sehr glücklich. Eines Tages ging er in den Garten, um nach den Kürbissen zu sehen, und kam voller Stolz zurück: „Jedes Mal, wenn ich nachsehe, sind neue Kürbisse da!“ Ich fragte ihn: „Wie kommt es, dass es so viele sind?”
Eines Tages stolperte er, fiel hin und niemand bemerkte es. Als der Zen-Meister davon erfuhr, tadelte er den Khong Nhu:
- „Du darfst die Pflanzen nicht mehr mit dem Gießeimer gießen!“
Meister Khong Nhu antwortete kleinlaut: „Ja, Meister“. Er ging weg und murmelte:
- „Lieber Tod als keine Pflanzen mehr gießen.“
Selbst im hohen Alter fuhr Meister Khong Nhu gelegentlich noch zum Briefkasten, um seine Post abzuholen. In der hügeligen Gegend hatte nicht jedes Haus einen eigenen Briefkasten. Der Gemeinschaftsbriefkasten war mehrere Kilometer entfernt. Als der Zen-Meister davon erfuhr, ermahnte er Khong Nhu.
- „Du bist in einem Alter, in dem du kein Auto mehr fahren solltest“.
Meister Khong Nhu, der wohl noch immer Groll hegte, dachte:
- „Nicht mehr Auto fahren? Dann sterbe ich lieber!“
Am Ende besaß Mönch Khong Nhu nur noch einen Laptop. Gelegentlich meldete er sich bei seinen Freunden. Eines Tages wurde er erneut vom Meister ermahnt.
- „Du solltest nicht in der Vergangenheit schwelgen, sondern dich auf deine spirituelle Praxis konzentrieren. Ansonsten nehme ich dir den Laptop auch weg! Oder soll ich dich etwa nach Hause schicken?”
Mönch Khong Nhu war tief betrübt und murmelte vor sich hin: „Lieber sterbe ich!“
Und er fügte hinzu: „Nun, da ich Mönch geworden bin, werde ich, ob ich lebe oder sterbe, im Kloster weilen!“
Ich trage seinen geradlinigen Geist noch immer tief in meinem Herzen. Sobald wir ordiniert sind, bleiben wir, ob wir leben oder sterben, in dieser Sangha-Gemeinschaft. Dies ist das Haus Buddhas, das Haus des Volkes. Wir essen von den Opfergaben unzähliger Haushalte, wir wohnen an einem Ort, der allen Menschen gehört, und unsere Arbeit dient allen Menschen.
Gegen Ende seines Lebens brachten ihn seine Kinder in seine Heimatstadt zurück. Er war bereits gesundheitlich angeschlagen und ich habe gehört, dass er seine Kinder oft darum gebeten hat, ihn in das Sunyata-Kloster zurückzubringen. Doch seine Kinder konnten ihm diesen Wunsch nicht erfüllen, da der Flug von den nördlichen in die südlichen Vereinigten Staaten sehr lang war. Alle sind gerührt, wenn sie von seinem letzten Wunsch hören, der natürlich nicht erfüllt werden konnte. Nun, Meister Khong Nhu, Sie können zum Sunyata-Kloster zurückkehren. Sicherlich haben Sie inzwischen den Zen-Meister und die drei älteren Dharma-Brüder getroffen. Irgendwo seid ihr wieder zu fünft zusammen, genug, um eine eigene „Truppe” zu bilden, oder?
Hier ist noch eine Geschichte über den Mönch Khong Nhu. Er erzählte mir, dass er früher ein Freund des Meisters war. Nun ist er sein Schüler und muss sich vor ihm verneigen. Dann lachte er stolz und sagte: „Ihr Nachkommen seid nichts im Vergleich zu mir. Es ist normal, dass ihr getadelt wurdet.“
Ehrwürdige Tuệ Chân und Ehrwürdiger Không Chiếu waren eher wortkarg. Besonders Tuệ Chân war sehr ernst, weshalb es keine lustigen Geschichten von ihnen zu erzählen gibt. Ach! Doch, eine Geschichte gibt es. Nach einem Meditationsretreat mit vielen Teilnehmern folgte auf die Abschlusszeremonie ein gemeinsames Essen. Die Teilnehmer hatten eine lange Tischreihe aufgestellt, wobei der Stuhl am Kopfende in der Mitte für den Meister reserviert war. Die beiden Plätze nebenan waren für die Ehrwürdigen Tuệ Chân und Không Chiếu vorgesehen. Nachdem ich Platz genommen hatte, fragte ich mich, wo sie blieben. Ich blickte zum Ende der Reihe und sah die drei ganz hinten am Tisch sitzen. Nach dem Essen fragte ich sie:
- „Die Plätze wurden so angeordnet, dass Sie neben dem Meister sitzen sollten!”
Ehrwürdiger Tuệ Chân lachte:
- „Neben der Sonne zu sitzen, ist viel zu heiß, gnädige Frau!“
Alle drei „ ehemaligen Helden” hatten also Angst vor der „Sonne”.
Das sind die Geschichten der Mönche. Die Nonnen sind zwar immer fröhlich, haben aber nichts Besonderes an sich. Schwester Phuc Tri und Schwester Hanh Nhu sind sehr freundlich und kümmern sich um alles in der Küche. Wenn ich von einer Reise zurückkam, ging ich oft in die Küche, um ihnen zu helfen, aber sie schickten mich jedes Mal weg: „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!“ Als jedoch die Corona-Pandemie ausbrach, habe ich wieder angefangen zu kochen und bin seitdem für die Küche zuständig. Ich bin den Köchinnen, die mir in dieser Zeit das Essen zubereitet haben, umso dankbarer.
Nach jeder meiner Reisen bereiteten mir die beiden Nonnen ein Festmahl zu. Es gab Algenröllchen mit Kräutern, gebratenen Maniok und Tofu, alles in Chili-Sojasauce getaucht, und vieles mehr. Manchmal schmorten sie für mich den Gemeinen Gallenröhrling (Tylopilus felleus) in einer salzigen Sauce, die wir mit Reis aßen, weil sie wussten, dass ich diese Pilze mochte. Schwester Phuc Tri gab sich große Mühe, Gallenröhrlinge aufzutreiben. Sie bat ihre Verwandten in Vietnam, sie zu kaufen. Dann bewahrte sie sie auf, bis ich zurückkam, um sie mit Pfeffer zu schmoren und mir eine Freude zu machen. Vor Kurzem öffnete ich den Schrank und griff plötzlich nach einer Packung getrockneter Gallenröhrlinge – mir kamen einige Emotionen hoch.
Ich bin nicht das ganze Jahr über im Kloster, sondern bleibe nur ein paar Tage, bevor ich wieder abreise. Bei jeder Rückkehr bringe ich ein paar Flaschen japanisches ätherisches Öl, ein paar Gläser Tiger-Balsam, einige Packungen Hustenbonbons oder eine Schachtel Ginseng mit. Diese Dinge teile ich meist mit den beiden, da wir schon alt sind. Wir drei wechseln uns ab, wenn wir erkältet sind oder Grippe haben, und tragen das Öl auf. Unsere Bindung ist enger als die von Blutsverwandten. Und wir verstehen uns umso besser, weil wir dieselben Lebensziele haben.
Khong Nhu und Khong Chieu waren in ihrer Jugend enge Freunde des Meisters, bevor sie ordiniert wurden. Die drei hatten gemeinsam einen langwierigen „erzwungenen Rückzug” von dreizehn oder vierzehn Jahren durchgestanden, der fast ihre gesamte Jugendzeit in Anspruch nahm.
Einmal hörte ich draußen Gelächter.
- „Warum sind alle Untergebenen des Meisters ‚Veteranen‘?”
Wahrscheinlich hat sich der Meister manchmal Sorgen um diese „alten Schüler“ gemacht. Als ich sah, wie sein Blick auf die "alten Schüler" fiel, machte ich eine Aussage:
- „ Meister, unsere Klostergemeinschaft ist tatsächlich alt und vielleicht sind wir nicht so begabt, wie Sie es sich wünschen. Aber wir verstehen uns gut und leben sehr harmonisch miteinander. Hatten Sie nicht gesagt, dass Harmonie das Ziel des spirituellen Weges sei? In diesem Fall sind wir doch recht gut oder?”.
Der Meister lachte, also hatte er den sechs „alten, unbegabten Ordinierten“ vergeben. Da auch der „Oberbefehlshaber“ selbst schon ziemlich „in die Jahre gekommen“ war, konnten wir alle gut miteinander auskommen.
Wenn ich heute zurückblicke, sind zwar erst wenige Jahre vergangen, doch es fühlt sich an, als wären es hundert gewesen. Die glücklichen Tage sind so schnell vergangen. Fünfundzwanzig Jahre. Wir konnten nicht einmal unsere Silberhochzeit feiern, dann ging einer nach dem anderen. Der Herbst kommt, dann der Frühling, dann wieder der Herbst … Jetzt hängen nur noch zwei gelbe Blätter am Zweig. Einsam und verlassen.
Zentrum Kloster Sunyata, den 03-11-2021
TN
Link zum vietnamesischen Artikel: https://tanhkhong.org/a2841/triet-nhu-snhp034-mua-thu-cuoc-doi
